Als Katholikin mal evangelisch

Ewigkeitssonntag in einer Ev.-Luth. Kirchengemeinde

Heute war ich zum ersten Mal in meinem Leben (naja, zumindest, seit ich volljährig bin) in einem regulären evangelischen Gottesdienst.

Es war… irgendwie gut und irgendwie dann doch nicht meins. Dazu muss ich sagen, dass ich freikirchlich baptistenähnlich aufgewachsen, lange Zeit in einer charismatischen Freikirche, später bei den Jesus Freaks war und jetzt seit vielen Jahren Mitglied der katholischen Kirche bin.

Die Kirche

Die Kirche liegt in einem Wohngebiet, ziemlich viele mehrgeschossige Häuser, ist gefühlt mindestens so alt wie ich, Kirchturm separat, der Eingang irgendwie unattraktiv von der Seite über eine Art Innenhof zu erreichen. Nicht direkt einladend.

Aber dann: Am Eingang wurde ich total freundlich, fast liebevoll mit Handschlag vom Pastor begrüßt. In der riesigen Kirche drei Stuhlreihen im Bogen gestellt. Hinten in der Kirche ist auf der rechten Seite eine Tafel gedeckt, offenbar wird hinterher zusammen gegessen, auf der linken Seite steht ein langer Tische mit allerlei Dingen drauf, macht auf mich den Eindruck von Bazar oder Weltladen. Hinten links offenbar die Spielecke für Kinder.

Auch Evangelische scheinen ein Faible für die Randplätze zu haben. Macht aber nichts, man kann problemlos zu den mittleren Plätzen gehen, der Abstand zwischen den Stuhlreihen ist groß genug. Aber erstmal bekomme ich noch eine Hand entgegengestreckt und einen kräftigen Händedruck von dem, der mir einen gefalteten Zettel in die Hand drückt.

Aufstehen mit Ansage

Da ich mich nicht auskenne, setze ich mich sicherheitshalber in die zweite Reihe. Man weiß ja nie. Aber anders als in der katholischen Kirche wird nur ein einziges Mal aufgestanden und das mit Ansage. Überhaupt: Man hat nicht das Gefühl, fremd zu sein, wenn alle wissen, was jetzt kommt, nur man selbst nicht. Ist hier so gar nicht: Was kommt, wird einfach angesagt oder passiert ohne mein Zutun, das finde ich total entspannend.

Eine Frau sitzt am Flügel und spielt, sie begleitet die Gemeinde musikalisch, zum Glück kenne ich fast alle Lieder und kann problemlos mitsingen. Nur am Ende der Strophen macht sie immer eine Pause, in die ich etwas reinstolpere. Die Begrüßung bekomme ich nur halb mit, hinten klappert ein Kind in der Spielecke und wegen der bemerkenswerten Akustik der Kirche hört man das sehr viel besser als die Worte des Pastors. Ähnlich ist es mit der knisternden Jacke des Mannes hinter mir.

Totensonntag / Ewigkeitssonntag

Heute ist Totensonntag, in der evangelischen Kirche ist es der Ewigkeitssonntag. Der Pastor spricht kurz über das Thema Tod, es ist unkitschig aber trostvoll, was mir sehr gefällt.  Dann nennt er die Namen aller Gemeindemitglieder, die seit dem letzten Ewigkeitssonntag gestorben sind. Dazu zündet er für jede*n eine Kerze an. Das ist unwahrscheinlich schön und stimmungsvoll. Ich habe den Eindruck, dass einige Angehörige extra deswegen gekommen sind. Aber nicht nur sie, alle, die um jemanden trauern sind eingeladen, auch eine Kerze anzuzünden. Das macht zwar nicht jede/r der ca. 50 Gottesdienstbesucher*innen, es dauert aber schon etwas und ist ganz ruhig und feierlich.

Was mich total irritiert ist, dass das allererste Gebet erst 17 Minuten nach Beginn des Gottesdienstes gesprochen wird, oder habe ich irgendwas nicht mitbekommen? Und dann gab es eine Lesung und einen Psalm, der in zwei Gruppen abwechselnd gesprochen wurde.

Revolverheld

Auf der (enorm attraktiven und für mich ziemlich schwer mit dem in die Jahre gekommenen Kirchenraum zu vereinbaren ) Website der Gemeinde stand, dass es eine Predigt zu einem Song von Revolverhead geben würde. Eine von vier Predigten zu einem aktuellen Popsong.

Leider konnte ich bei allen Bemühungen den Text des Liedes nicht richtig verstehen… irgendwie ging es darum, dass das, was wir suchen trotz aller unserer Bemühungen unsichtbar bleibt.

Mit viel Respekt vor dem Lied erklärte der Pastor in seiner Predigt, dass Gott eben nicht unsichtbar bleibt: Er ist Mensch geworden. Sichtbar. Nahbar. Er zitierte C.S. Lewis und Bono, den Sänger von U2, warum es ihrer Ansicht nach sinnvoll sei, daran zu glauben, dass Jesus der Sohn Gottes ist und erklärte dann, wieso historisch betrachtet die Existenz Jesu besser nachzuweisen ist als z.B. die des Tacitus.

Eine wirklich gute und hilfreiche Predigt.

Was nicht stattfand war das Abendmahl, für mich ein Grund, dass das nicht meine Kirche sein könnte. Warum bloß feiern es viele evangelische (und auch viele Freikirchen) eher selten und Katholiken es, zumindest in Klöstern und Grußstädten sogar an Werktagen? Nach meinem Verständnis haben es die ersten Christen jede Woche sonntags gefeiert… Was spricht dagegen?

Warum keine Stilberatung?

An die schräge Kombination von Wandteppich, Wandmalerei und Altartuch, die einfach gar nicht zusammenpassen, kombiniert mit Blumen, was dem Ganzen irgendwie etwas verzweifelt jetztzeitiges gibt, könnte ich mich sicher irgendwann gewöhnen. Trotzdem würde ich, falls man mich fragt, da mal eine Stilberatung empfehlen.

Einladung nach der Predigt

Nach der Predigt wurde eingeladen zu bleiben, Suppe zu essen. Außerdem wurde nochmal erklärt, für welche Charity-Projekte die Kollekte, die übrigens (sehr angenehm!) nicht durch die Reihen ging, sondern in einem kleinen Kasten, bzw. einer ausgedienten Orgelpfeife an der Wand am Ausgang gesammelt wurde.

Auch am Ausgang wurden wieder alle mit Handschlag vom Pastor verabschiedet.

Um mal zu gucken, wie es dort mit der „Willkommenskultur“ aussieht, entschied ich mich, zum Kirchencafé zu bleiben. Wie angekündigt, gab es eine Suppe (Kaffee, Tee oder Gebäck gab es gar nicht, trotz des Wortes!), nicht vegetarisch, nicht vegan und auch nicht Bio oder Fair Trade… einfach eine Suppe. Bohnen und Rindfleisch, gut abgeschmeckt und sehr sättigend.

Und ich hatte den Eindruck, dass es beim Kirchencafé nicht so sehr darum geht, miteinander ins Gespräch zu kommen, sondern mal wieder satt zu werden. Meine Versuche zum Small Talk jedenfalls wurden erst erwidert, als sich ein Paar mir gegenüber hinsetzte, das auch zum ersten Mal hier im Gottesdienst war. Sie interessieren sich für den Glaubenskurs, der dort in den nächsten Wochen angeboten wird.

Fazit: Gern mal wieder. Und immer gern die Predigten als Download!